Über japanische Drachen

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Vortrag von Masami Takakuwa anlässlich der Eröffnung einer Drachenausstellung im Staatlichen Museum für Naturkunde in Karlsruhe.

Der Vortrag wurde abgedruckt in der Hoch Hinaus 2001-1.


Eine Auflistung traditioneller japanischer Drachen.


Japanische Drachen sind nicht nur ein Kinderspielzeug sondern haben auch künstlerischen, kunsthandwerklichen und folkloristischen (volkskundlichen) Wert. Traditionelle japanische Drachen werden von regionalen Sagen und Volksglauben geprägt und sind in ganz Japan verbreitet. Es gibt eine große Anzahl von Arten. Ich werde ihnen einige davon hier vorstellen. Japanische Drachen werden aus Bambus und Japanpapier hergestellt. Sie werden immer mit Bildern, Schriftzeichen oder geometrischen Mustern bemalt. Reinweiße Drachen heißen Beerdigungsdrachen und werden als schlechtes Omen betrachtet. Deswegen werden Drachen nie ohne Bemalung fliegen gelassen. Drachen werden in verschiedene Kategorien eingeteilt, je nach Bedeutung oder Thema, Form und Ursprungsort. Ich werde den Schwerpunkt legen auf Drachen mit bestimmten Themen.

Zuerst die häufigste Kategorie: Drachen die religiösen Zwecken dienen. Sie werden bei Feiern oder als gutes Omen steigen gelassen. Es gibt die Sitte, Drachen fliegen zu lassen mit guten Wünschen wie z. B. zur Geburt eines Kindes, für allgemeines Familienglück oder für den Geschäftserfolg. Solche Schicksalsdrachen, die Wünsche (Gebete) für Glück ausdrücken, sind besonders verbreitet südlich von Tokio bis nach Shikoku in den sonnigen Küstengebieten. Zu diesen Drachen gehören: Tongari, Tomoe, Sode, Iwai, Gorin, machi chirushi Daruma , atami giri und Sagara.

Der Machichirushidrachen aus Hamamatsu ist einer von diesen Drachen, die bei einem großen Fest steigen gelassen werden. Anlässlich der Geburt eines erstgeborenen Sohnes im vorangegangenen Jahr lässt man diesen Drachen mit lautem Geschrei hoch in den Himmel steigen, um die Wünsche für das gute Gedeihen des Kindes zu den Göttern zu transportieren. Die Größe des Drachens ist über 2 mal 2 Meter. Auf diese Drachen werden Symbole der Stadtviertel und der Namen des Kindes gemalt. Diese Drachen sind sehr teuer, sie kosten bis zu 170000 Yen das sind ca. 3400 DM.

Es gibt auch unglücksverhindernde Drachen, sogenannte Talismandrachen. Auf diesen Drachen sind Teufel oder Gespenster gemalt. Solche Drachen drücken Gebete aus um unvorhersehbares Unglück oder bedrückende Angst zu verjagen. Diese Kategorie wird repräsentiert von Otokoberabo, Onnaberabo, Oniyocho, Oniyosu, Onidako, Okkidako, Managudakko, Baramon, Aisutojin (tojin=Chinese).

Eine andere Kategorie sind die Drachen, die vom Ausland beeinflusst wurden; wie der Nagasaki hatta (Flagge von Nagasaki), Karakurikintoki (Trickdrachen) und Tojindako (Chinesendrachen). Die "Flagge von Nagasaki" hat eine exotische Form. Auch Funktion und Bambusgerüst sind eigenartig und ganz anders als herkömmliche Drachen. Sie ähneln den Drachen in Indien, Nepal und Indonesien und auch den Kampfdrachen. Japan hat in der Edozeit Isolationspolitik betrieben, und alle Ausländer ausgeschlossen. In dieser Zeit war Nagasaki der einzige Ort, der für Export und Import geöffnet war. Man denkt, dass die Originalform dieser Drachen von den damals geduldeten Holländern eingeführt worden ist. "Nagasaki hatta" hat ein geometrisches Design mit 3 Farben: blau, weiß und rot, wiein der holländischen Flagge. Es wird vermutet, dass es von den holländischen Flaggen auf den Masten der Schiffe abgeschaut wurde. Hatta bedeutet auf japanisch Flagge. Vielleicht haben die Holländer, nachdem sie in Ostasien geankert hatten, die dortigen Drachen mit Ihrer eigenen Flagge kombiniert, und diese Nachahmung nach Nagasaki gebracht.

Man sagt, dass Karakurintako Trickdrachen aus China eingeführt wurden. Saekudaku sind entstanden durch die Fingerfertigkeit der Japaner. Bambusstäbe wurden geschickt gebogen um verschiede Formen zu bilden. Aber die Herstellung war sehr zeitaufwendig und daher unrentabel, so dass diese Form praktisch ausgestorben war. Es gibt aber erfreulicherweise eine Bewegung, diese Drachen wieder herzustellen, und an die junge Generation weiterzugeben. Dadurch wird die japanische Drachenwelt bereichert. Die berühmtesten Saekodako sind die Yakkodako. Yakkodako sind typische traditionelle Drachen, die von der Edozeit bis heute Überlebt haben. Man sagt, dass die Kaufleute, die damals von der Klasse der Samurai unterdrückt wurden, Yakkodrachen über deren Häusern fliegen ließen. Yakko sind die untersten Diener der Samurai. Diese Yakko sollten in Drachenform mit großen Augen böse Blicke auf die Samurai werfen, und waren damit ein Ventil für die täglichen Frustrationen der Kaufleute. Sowohl die Form, als auch Farbgebung und das komplizierte Design tragen dazu bei, dass es sich um wirkliche Meisterstücke handelt.

Zu den Saekodrachen gehören nicht nur Yakkodrachen sondern auch Sakasukidrachen (Sakebecher), Ogidako (Fächerdrachen), Fukusukedako und Bekako. Man kann sie zu den Saekodako zählen, aber sie bilden eine eigene Gruppe von Drachen, die den Wunsch hat, möglichst hoch und frei zu fliegen. Das sind Tsuwame (Schwalbe), Semidako (Zikade), koryusemidako, Chodako (Schmetterling), Fugudako (Kugelfisch) und Tonbidako (tonbi ist ein Vogel, der bei uns Weihe heißt). In China gibt es viele Drachen in der Form von Insekten, Vögeln oder Fischen, und diese sind gewöhnlich sehr realistisch auf Stoff gemalt. Aber in Japan sind sie auf Japanpapier künstlerisch vereinfacht gemalt. Das abstrahierte Design ist bis heute unverändert überliefert worden.

Als nächstes komme ich zu den Jidako-Schriftzeichendrachen. Zur Edozeit waren Edonishiki-edako, d. h. Drachen die extra von Künstlern bemalt wurden, sehr populär. Weil diese Drachen so luxuriös waren, wurde von der Regierung die Herstellung untersagt. Nach dem Verbot dieser Luxusdrachen, wurden die Jidako (Drachen mit Schriftzeichen) populär. Man malt die Schriftzeichen so groß, dass sie den ganzen Drachen ausfüllen, um die Bedeutung des Zeichens hervorzuheben. Man nennt sie Edosumidako (Tuschedrachen aus Edo). Der besondere elegante Schriftstil wurde von den Firmenschildern der Edozeit abgeleitet. Die Nishiki-edako (Luxusdrachen) werden heute nur noch von wenigen Leuten hergestellt. Die meisten sind Hobbydrachenbauer. Als Hersteller dieser Art von Drachen war Hashimoto Teiso sehr bekannt, aber nachdem er gestorben ist, gibt es keinen Profidrachenbauer mehr, der diese Art herstellt. Zu dieser Art gehören Edosumidako, lkazaki, Rokkakudako (6-eckig) und Komadako (Kreiseldrachen) Okinawa ist die südlichste Insel Japans. Weil es vom Hauptland so weit entfernt ist, hat die Drachenbaukunst eine eigene Entwicklung genommen. Die Drachen im Hauptland, außer den Nagasakidrachen, wurden mit Samuraibildern, Kabukibildern oder Schriftzeichen bemalt. Aber die Okinawadrachen haben ein geometrisches Design.

Eine Spezialität von Okinawa ist das sogenannte Futan. Das ist ein kleiner Schmetterling oder Vogel aus Papier, der an der Drachenschnur zum Drachen hinaufgeschickt wird. Oben angekommen, klappt er die Flügel zusammen und kehrt in die Hand zurück. Diese Spezialität gibt es nur in Okinawa.

Zum Schluss möchte ich die traditionellen großen Drachenfeste, die das ganze Jahr über in ganz Japan stattfinden, vorstellen. Die größten Drachen sind Sagamidako in der Präfektur Kanagawa. Diese Drachen sind 18 mal 18 Meter groß und wiegen mit Schnur über 1 Tonne, regelrechte Mammutdrachen. Es dauert 2 Monate um solch einen Drachen herzustellen. 600 Personen sind damit beschäftigt. Selbstverständlich braucht man, um ihn steigen zu lassen, viel Erfahrung und über 100 Leute. Der Durchmesser der Drachenschnur beträgt 5 cm. Man braucht Windgeschwindigkeiten von über 7 m/sec. Diesen gigantischen Drachen in den Himmel steigen zu sehen, ist grandios und überwältigend. Selbst dieser Gigant ist auch nur aus Bambus und Japanpapier hergestellt.

Obwohl unterschiedlich in Größe und Form, gibt es auch noch andere Feste mit Riesendrachen, z. B. in Yokaichi, Sama und Showamachi.

Für Kampfdrachen sind folgende Orte bekannt: Hamamatsu, Shirone, Tawara, Ikazaki, Sanjo und Nagasaki . Man versucht gegenseitig die Drachenschnur zu zerschneiden, und so den gegnerischen Drachen zum Absturz zu bringen. Die Spielregeln sind je nach Distrikt unterschiedlich. Drachen werden hauptsächlich am 5. Mai zum Kindertag und von Mai bis Juni in ganz Japan steigen gelassen. Man braucht , um große Drachen fliegen zu lassen, ziemlich hohe Windgeschwindigkeiten. Wir hatten dieses Jahr ideales Wetter und Wind, so hat man einen neuen Rekord für die Flugdauer aufgestellt. Wenn Sie noch mehr über japanische Drachen wissen möchten, schauen Sie bitte meine Homepage an.


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