"UFF", oder wie ich lernte den Tiger zu zähmen

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Bei diesem Text handelt es sich um eine Satire auf den Stil eines damals bekannten Drachen-Testers für die Zeitschrift Sport & Design Drachen.

Der Text wurde von Lothar Meyer am 17. September 1998 in der Newsgroup de.rec.drachen gepostet und in Hoch Hinaus 1998-4 abgedruckt. Erlaubnis zur Veröffentlichung liegt vor.


Meine Frau wird schon wieder ganz nervös. Gleich kommt der Postbote. Auch ich bin heute seltsam aufgeregt. Es liegt nicht nicht daran, dass es gestern so viel Stress gab mit dem Patienten, der glaubte, er sei ein Pinguin. Und sich dann aus dem Fenster stürzte, weil er fliegen wollte. Ich rief ihm noch nach, dass Pinguine nicht fliegen können. Aber da war es schon zu spät. Und stürzte zu Boden wie mein guter alter Hawaiian. Damals. Als mir in meinem Lieblingsfluggebiet an der holländischen Nordsee bei scharfem Wind aus Nordnordost die Griffe aus den Händen gezurrt wurden. "Schlimme Sache, das" (mit dem Hawaiian, der wird nicht mehr gebaut.).

Aber jetzt kommt er schon (der Briefträger, nicht der Hawaiian), und er ist sogar guter Laune (während die meiner Frau gleich wieder sinkt; sich abwendend murmelt sie etwas von "das wäre dann der 685. unverlangt eingesendete Drache in unserem Schlafzimmer"). Aber jetzt irrt sie: Dieser Drache ist eigenhändig bestellt, und sogar bei meinem Briefträger persönlich. Den hatte ich nämlich gebeten, bei seinem Gang durch die Gemeinde mal bei Tschibo vorbeizugehen und mir unauffällig den Tschibo-TQM für DM 15, - zu besorgen. Man wird verstehen, dass ich da nicht selber hinwollte und die Sache dem Briefträger überließ.

Da ist er also: der neue TQM-SLD, wobei SLD schlicht aber einfach für "SportLenkDrachen" steht. Wofür TQM steht, habe ich noch nicht herausbekommen, aber es hat etwas mit "Total Quality" zu tun. Gediegenheiten. Eindeutigkeiten. Mutig, das.

Mit zappeligen Fingern und Schweiß auf der Stirne hole ich das schmucke Teil aus der edlen Verpackung. Und hier auch gleich ein Lob an die Hersteller: in hochwertiger Klarsichtfolie auf der einen und sanft schimmerndem Spinnaker auf der anderen, ist den Taschenentwicklern bei TQM hier etwas ganz besonderes gelungen: eine Tasche, die Optik und Komfort in idealer Weise miteinander zu verbinden weiß. Gerade Piloten mit mehreren Drachen werden sich freuen, dass sie in der transparenten Folie gleich sehen, welchen Drachen sie dabei haben. Das ist Umsicht. Schlau. Davon kann sich so mancher elitäre Tütenhersteller eine Scheibe abschneiden! Das strahlt Wertigkeit aus und den noblen Flair der Kunststoffverpackung.

Klever auch das Loch oben an der Verpackung: So lässt sich der Drache, wenn er einmal nicht mehr gebraucht wird, bequem an die Wand hängen. Liegt dann auch nicht im Weg herum. Liebevoll ist der Klettverschluss an der oberen Plastiklasche angebracht, der die Tasche gegen unabsichtliches Öffnen sichert. Und die Leute von TQM legen noch eins drauf: Dem Erstöffner versperrt ein unter dem Klettband angebrachter Klebeverschluss den direkten Zugang. So weiß man sicher, dass der Drache frisch und ungebraucht ist.

Aber dann das Auspacken: Die massiven 4mm-Glasfiberstäbe sind in einem verschweißten Plastikschlauch vor Berührungen mit dem Segel geschützt und erleichtern dem Piloten auch das Auffinden der Stäbe. Die verschwinden also nicht irgendwo im Tuchgewirr. Das Segel selbst zeigt auf den ersten Blick die gestalterische Umsicht von Tschibos Chefdesignern: In geschmackvoll kontrastierenden Blau, Rot, Gelb und Grün-Tönen präsentiert sich dem Piloten ein Drache, der sich leicht von hunderten anderen auf der Wiese unterscheidet und sagt: Hallo, ich bin ich, und ich bin bunt.

Auch die Verbinder machen einen guten Eindruck: kein Herstelleraufdruck, der da unnötige Schwachstellen im Material erzeugt. Selbst die Spritzgussnähte sind fast nicht wahrnehmbar und ragen kaum mehr als einen halben Zentimeter hervor. Und: der Kreuzverbinder erzeugt dank seiner Wuchtigkeit einen klaren Segelmittelpunkt-schwerkraftsbezugs-aufhänger. Dieser Drache weiß immer, wo unten ist.

Markant auch die klare Gestaltung der Konstruktion: schnörkellose Linien, ganz gerade, die sich zum Zentrum hin versammeln und in einer klaren Spitze enden: Kappnähte. Klug gemacht. Vorne gefalzt, hinten vernäht. Und oben erst: Gurtbandverstärkt natürlich, falls doch mal ein Absturz vorkommen sollte. Die Verstärkungen an den Leitkanten sind dort, wo die Spreizen angebracht sind, mit Ausbuchtungen versehen, dort sind klugerweise auch die äußeren Waagepunkte verknotet, während für die mittleren Waageschenkel allerdings nur ein Befestigungspunkt in der Segelmitte zur Verfügung steht. Umständliches Aufspannen der Segel entfällt. Das Segel wird mit einer Gummizug-Vorspannautomatik, die an den Segelspitzen und am unteren Ende des Mittelstabs angebracht ist, in Form gebracht. Gediegen.

Soweit aufgebaut, stehe ich vor einem Problem. Das Segel hängt verdächtig schlabberig in der Konstruktion. Sollte der Konstrukteur hier etwas übersehen haben? Oder habe ich etwas vergessen? Ich schaue mal nicht in die übersichtliche und ausführliche Anleitung und überprüfe einfach den Kundendienst von TQM. Schon auf den ersten Anruf meldet sich eine sympathische Frauenstimme mit einem klaren, verständlichen "Wat wolln Sie?". Ich trage mein Anliegen vor, erzähle die Sache mit dem Postboten. Sie hat Mitleid, sagt knapp und trocken: "So kann's kommen." Und verbindet mich umgehend mit der Warteschleife. Schöne Musik. Mozart. Nachtmusik (klein). Etwas piepsig und auf die Dauer anstrengend.

Aber dann habe ich den zuständigen Vertriebsmitarbeiter der Sektion Kundendienst und Verkauf an der Strippe. Er heißt Horst. Wir duzen uns gleich. Das verbindet. Ich kläre zunächst schnell und unkompliziert, dass es nicht um Pantoffeln, Gummistiefel, Regenschirme, Handnähmaschinen, Teelöffel mit persönlicher Gravur, Bierdeckel, Multifunktionsmesser, asiatische Papierfächer oder Scheren geht, mit denen man auch Bierflaschen öffnen kann, und werde auch sogleich klar und unkompliziert an den taiwanesischen Hersteller verwiesen. Ein Anruf dort bringt dann umgehend die Gewissheit, dass ich kein Taiwanesisch verstehe und Taiwanesen kein Deutsch. Klar: Daran muss man denken. Ist aber kein Vorwurf an den Kundendienst, jedenfalls nicht an Horst.

So blicken wir doch einmal in die Anleitung: "Drücken sie die Spannstäbe auf die Spreizstäbe und richten sie diese aus". Natürlich! Das hatte ich vergessen. Jetzt, mit gespannten Spannstäben und ausgerichteten Spreizstäben, spannt der Drache schon sehr gespreizt. Auch sonst haben sich die Profis bei TQM allerhand ausgedacht. Um es den Nachbauern aber mal richtig schwer zu machen, verrate ich diese Details hier nicht.

Aber nichts wie raus auf die Schmachtwiese und das dolle Ding mal fliegen. Schon hat sich mein örtlicher Fanclub versammelt, und ich höre, wie die Jungens flüstern: "Mal sehen, was er heute wieder auspackt." Klare Leidenschaften, deutliche Abhängigkeiten, da kann so ein Mountainbike mit Chromfelgen nicht gegen an. Und dann das ehrfürchtige "Oh, Tschibo", als ich das Teil extra langsam aus der Tüte ziehe. Sie wissen halt, was sich gehört. Naja, später vielleicht auch mal an die Leinen lassen.

Überhaupt die Leinen: Das Besondere am TQM SLD ist das RTF, sprich Ready-To-Fly: Formschöne und sehr runde Handhaspeln mit je 50 Meter Leinenlänge in elastischer Polyesterausführung. Das ist gut so, ich mag lange Leinen. Geschmackvoll getönte Haspeln: Rot und Blau. Da hat man immer den Überblick. Hände verwechseln ist nicht. Und: Die Leine lässt sich extrem leicht abwickeln, dazu muss die Haspel nur auf einen Finger gesteckt werden und jemand aus der Fan-Gruppe am Ende der Schnur ziehen. Dank der runden Form rollt die Haspel dann derart um die eigene Achse, dass sie schnell Schnur abgibt. So brauchen wir nur das Ende der Schnur mit den Alu-Ringen am Drachen verknoten. Clever gemacht .

Halt. Jetzt doch etwas Kritisches. Selbst erfahrene Knoter sind leicht überfordert, wenn es darum geht, die an den Aluringen verknotete Leine wieder zu entknoten. Denn allzu leicht zieht sich der Knoten beim Fliegen so fest, dass man ihn nicht mehr geöffnet bekommt. Da wäre eine kleine Schere als Dreingabe zum RTF-Set doch sehr nützlich. Sozusagen ein RTU-Set. Das heißt dann Ready To Unfly. Der Kunde würde sicherlich auch diese 30 Pfennig gerne zusätzlich bezahlen, wenn er dafür in den Besitz einer komfortablen Knotenlösevorrichtung kommt. Sonst mußs man immer schrecklich lange knabbern, bis die Schnur durch ist. Und: Sie wird auch immer kürzer. Aber zum Flug: Ich spüre, wie die Jungs in meinem Rücken den Atem anhalten. Einer ist schon von seinem Fahrrad gefallen. Hat es nicht mehr ausgehalten. War zu viel Stress. Das ist klar, sowas geht an die Seele, das macht das Herz schwer. Die anderen sind härter. Sie geben ihrer Unsicherheit Ausdruck, indem sie lachen. Das befreit. Gut so.

Ich spüre, sie wollen etwas sagen. Das dumpfe Gefühl, das man hat, wenn einer einen beobachtet. Etwas im Rücken. Aber ich bin jetzt ganz kalt. Unempfindlich. Ich reagiere nicht. Da ist nur der TQM, und da bin ich. Wir zwei, der Rest ist unwichtig. Auch die Spaziergänger, die jetzt stehenbleiben und ehrfürchtig "Tschibo" flüstern, beachte ich nicht. Einer nähert sich. Ich reagiere nicht. Er sagt: "So einen hat mein Neffe auch." Soll er. "Und Sie können den fliegen?" fragt er. "Weiß nicht", sage ich knapp. Und er spürt, ich meine es so, wie ich es sage. Und er spürt auch, dass ich Angst habe. Menschen haben immer Angst vor dem Ungewissen. Dem neuen. Die beiden reden noch. Aber ich höre es nicht mehr. Ich rieche sie nicht mal. Und jetzt sehe ich sie auch nicht mehr, denn sie sind schon weitergegangen. Haben es auch nicht ausgehalten. Die Spannung. Ich und der Tschibo-Tiger.

Aber jetzt gilt es: Oft habe ich erfahrene Tschibo-Piloten beobachtet, wie sie es machen. So mache ich es auch. Ich erhebe meine Arme hoch über den Kopf, und höre, wie die Kinder noch lauter lachen. Die Spannung muss unerträglich für sie sein. Jetzt ist auch der zweite von seinem Fahrrad gefallen und krümmt sich am Boden. Vor Lachen? Das muss jetzt sein. Da muss er durch. Keine Flucht.

Ich habe die Arme noch immer erhoben. Taxiere den Tschibo wie ein wildes Tier, das gebändigt werden muss. Ob er Angst vor mir hat? Ich weiß es nicht . Und er spricht nicht. Dann renne ich los. Erst versuche ich es rückwärts, einige hundert Meter weit. Ich stolpere, ich falle, ich richte mich wieder auf wie ein Indianer auf der Flucht. Mein Herz pocht. Dann drehe ich mich um. Man kann besser laufen, wenn man sieht, wohin man läuft. Die Arme habe ich immer noch hoch über den Kopf erhoben. Ich sehe den Drachen nicht mehr, muss auf meine Füße achten. Aber das macht nichts. Die äußerst dehnbare Polyesterschnur hält, wenn der TQM an einem Hindernis hängen bleibt. Gut verarbeitet. Echte taiwanesische Wertarbeit. Eigentlich schade, dass der Kundendienst da kein Deutsch spricht. Könnte man sich mal nett austauschen. Aber dann steigt der TQM SLD. Zielstrebig. Er ist jetzt nicht mehr zu halten. Dieser TQM ist einer, der klar sagt, wo es langgeht, der dem Piloten unmissverständlich zu verstehen gibt: Du Pilot, ich Drache, Du zupfst, ich fliege. Oder auch nicht.

Er ist ein Tiger, ich sagte es schon. Er hat Krallen. Er ist wild. Er ist nicht so leicht zu kriegen. Hat Charakter. Kurven nimmt er bevorzugt in klarer, unverbindlicher Linie; selbst scharfe Kanten und Ecken werden angenehm rund. Echte Kurven eben. Im Messerflug langweilt er den Piloten nicht mit der öden Geradeausspur über den Boden. Er hält ihn vielmehr ständig mit lustigen Kapriolen auf Trab. Loops sind ein Kinderspiel: Wo andere Drachen gelangweilt nach einer Umdrehung Schluss machen, mag der TQM gar nicht wieder aufhören. Hat er erst einmal seine Kurve gefunden, lässt er sich nicht einmal vom Widerspruch des Piloten beinträchtigen. Charakter eben. Eigenwillig.

Gerade am Windfensterrand zeigt sich, was er kann: Wo andere wie angenagelt am Windabriss verharren, klappt der Tschibo sofort ein. Beschwert sich beim Piloten für die Unachtsamkeit. Mancher eindrucksvolle Trick lässt sich zur Freude der Bewunderer am Wegesrand da an gefährliche Figuren anschließen. "Hast Du das gesehen?" - "Nein, was?" - "Na wie der fliegt?" - "Wo?" So geht es immer fort. Das ist echte Anbetung.

Überhaupt Tricks: Stops ignoriert er völlig, so dass der Pilot es schon einmal wagen kann, ein paar Schritte nach vorne zu laufen, ohne befürchten zu müssen, dass der Drache etwa anhält. Wildes Gefuchtel mit den Armen, wie sie etwa beim Axel notwendig werden, quittiert er mit fein gerissenen Drehbewegungen um irgendeine Achse, so gutmütig ist der Tiger. Lenkfehler verzeiht die hochwertig federnde Polyester-Schnur. Die sorgt dafür, dass Unregelmäßigkeiten der Lenkvorgänge gar nicht erst beim Drachen ankommen. Auch empfindliche Schwächungen der Schultermuskulatur sind nicht zu befürchten. Die Schnur puffert jede unvorhergesehene Böe gutmütig ab.

Ein Wort zur Geräuschentwicklung: Tschibo-Drachen stehen völlig zu Unrecht im Ruf, zu laut zu ein. Ich kann das gar nicht bestätigten. Im Gegenteil: Auf weichem Boden ist beim Absturz bestenfalls ein sonores "Buff"-Geräusch zu hören. Etwas lauter wird es nur, wenn der Drachen auf Asphalt oder Beton abstürzt. Beim Schleddern mit der Leitkante über den Boden gibt es nur ein wirklich harmloses Kratzen zu hören. Selbst das Geräusch zerbrechender Glasfiberstäbe ist nicht eigentlich störend.

Tips: Wenn man etwa die obere Querspreize entfernt , wird er noch runder in den Bewegungen; verzichtet man auch auf die unteren Querspreizen, wird er etwas unkontrollierbar. Entfernt man die Hauptstrebe, sieht er ein bißchen aus wie ein Speedwing, fliegt aber nicht so, und verzichtet man auch auf die Leitkantenstäbe und zerschneidet das Segel in gleichmäßigen Streifen, lassen sich wundervoll bunte Drachentaschen daraus nähen.

Zusammenfassend: TQM hat mit dem SLD einen außergewöhnlichen Drachen zu einem hervorragenden Preis-Leistungsverhältnis auf den Markt gebracht. Er fesselt sowohl den Einsteiger als auch den erfahrenen Trickser. Mich hat er immer wieder überrascht und mit seinen Geheimnissen erfreut. Oder, wie mein Briefträger immer sagt : Uff.