Tag der Offenen Tür im Meteorologischen Observatorium Lindenberg

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Aus Hoch Hinaus 1999-1:

Tag der Offenen Tür im Meteorologischen Observatorium Lindenberg

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Dem einen oder anderen wird auch dieser Name ein Begriff sein: Preußisches Aeronautisches Observatorium Lindenberg. Das war damals, Anfang dieses Jahrhunderts. Die Zeiten haben sich seither geändert. Das Wetter wird nicht mehr mittels Drachen erforscht, einmal ganz davon abgesehen, dass diese Art der Höhenwetterforschung leichte Probleme mit dem internationalen Flugverkehr mit sich bringen würde. Für uns gilt, zumindest in Deutschland, eine maximal auszubringende Leinenlänge von 100 Metern, was mit der Mindestflughöhe der anderen Luftraumnutzer zu tun hat. Somit haben die Drachenflugaktivitäten von damals etwas geheimnisvoll- nostalgisches an sich haften. Wer kennt sie nicht, die Frage "wie hoch kann denn dein Drachen steigen?" Er kann... Wie auch immer, durch meine Kontakte zum MOL hatte ich vom Tag der offenen Tür in Lindenberg erfahren, und dass an diesem Tag die Übergabe des frisch renovierten Windenhauses, von dem aus damals die Aufstiege stattfanden, sein sollte. Eine Fahrgemeinschaft dorthin zusammen zu bekommen war nicht schwierig. Sabine Binder, Thomas Hartmann und Günter Pump aus unserem Verein entschieden sich spontan, mitzukommen, Thomas spendierte die Fahrt. Die Tage zuvor hatte es ohne Unterlass geregnet, wie so oft, wenn etwas mit Drachen ansteht. Treffen um halb sechs Uhr morgens bei mir in Bahrenfeld und ab gehts. Nach dreieinhalb Stunden Fahrt - fast ohne Regen - endlich das Ortsschild "LINDENBERG". Das Observatorium ist schnell gefunden, aber wir sind viel zu früh. Zu dieser Stunde ist in Lindenberg schon so viel los, dass wir den Eindruck haben, die Einzigen hier im Dorf zu sein. Schon von Weitem ist durch die Bäume hindurch das Windenhaus auf dem Hügel zu sehen. Am Zaun: "Zutritt für Unbefugte verboten". Aha. Und das am Tag der offenen Tür? Kaum den Türgriff in der Hand, ruft uns jemand aus dem Hauptgebäude etwas zu was so viel bedeutete wie "eine Stunde Warten". Und das tun wir. Es fängt wieder an zu regnen, die ersten Schirme mit dem Aufdruck "DWD" erscheinen. Man begrüßt uns sehr freundlich und hat schon gehört, dass wir kommen würden. Wir werden darüber aufgeklärt, dass der DWD dieses Wetter nicht bestellt hätte, es zumindest eigentlich erst später erwartet würde. Naja. Also schließen wir uns einer der Gruppen an und haben das Glück von einem Mitarbeiter geführt zu werden, der genau an der Grenze dessen erklärt, was mit dem noch vorhandenen Schulwissen und dem Dazugelernten über das Wetter und die Physik noch gerade gut zu verstehen ist. Mit der Kaputze über dem Kopf beginnt die Führung im "Wettergarten". Die Bilder kennt jeder: Das auf Stelzen in 2 Metern Höhe stehende Messhäuschen mit Lamellentüren und den verschiedenen Thermometern zur Feuchte- und Temperaturmessung, Barograph etc. Daneben die verschiedenen Geräte für die Messung des Niederschlages, der Boden- und bodennahen Temperaturen, der Wolkenhöhe und der Bodenstrahlung. Weiter geht der Weg in die Wetterzentrale, ein recht kleines Häuschen. Die Gebäude sind so alt wie die Wetterforschung an diesem Ort, und so riecht es hier auch. Muffig-holzig, geheimnisvoll allwissend. Mauern und Gebälk, doppelt so alt wie ich. Im Vorraum eine Vitrine mit einer Auswahl von Messgeräten der Vergangenheit und einem Modell des Regulierdrachen. Einen Raum weiter überrascht neueste Technik. Monitore informierten mit aktuellen Satellitenbildern und Daten über Temperaturen, Regengebiete und so weiter. Einen Monitor weiter hunderte von Messdaten der Lindenberger Säule, dem Höhenwetter-Forschungsprojekt des MOL. Vorbei an einem meterlangen Ölgemälde des Observatorium-Geländes von damals gelangen wir über einen hohen Mauerabsatz in den Raum, in dem die von den Wetterballonen in die Höhe getragenen Messsonden abgeschickten Daten empfangen und ausgewertet werden. Der Mauerabsatz erinnert daran, dass diese Räume mit Sicherheit nicht zur Aufnahme solchen hochtechnisierten Gerätes gedacht waren. Die alten Holzdielen und der muffige Geruch lassen hier eher alte Bücher, Stehpulte und mit Federkiel kratzend schreibende Gelehrte vermuten. Ein unbeschreiblicher Gegensatz, den man schon selber erleben muss um diese Worte nachzufühlen. Wir erfahren hochinteressante Einzelheiten über die Wetterdatenerfassung und -auswertung. Keine unserer detaillierten Fragen bleibt unbeantwortet. Eine 10-minütige Wanderung durch den regennassen Wald - und glitschige ausgetretene Wege führt uns an den Platz, an dem die Geräte stehen, deren Messdaten auf den Monitoren zu sehen waren. Angekündigt durch einen merkwürdigen sich wiederholenden Piep-hupton, erscheint das Abschirmungsgitter des riesigen Windprofilers. Wir befinden uns auf dem Fernsondierungsfeld. Hier misst man berührungslos unter anderem die Windgeschwindigkeiten bis zu einer Höhe von 16 Kilometern, und das nach verblüffend einfachen Prinzipien. Einigen Besuchern wird es offenbar zu viel. Der Regen, das Fachgeschwafel. So geht es weiter, wieder über unebene Waldwege mit glitschigem Laub.

Auf einem Hügel taucht das Windenhaus auf, unsere Herzen schlagen höher. Vor dem ersten Schritt in das kleine runde Häuschen aus Glas und Stahl erfahren wir noch Wissenswertes über die Messung der direkten und indirekten Sonnen- und Atmospärenstrahlung. Im direkten Vergleich zum Windenhaus muten diese Geräte grazil und zerbrechlich an. Hier stehen wir nun, an dem Platz, an dem vor rund 80 Jahren teilweise bis zu 15 Kilometer Stahldraht von den gewichtigen Drachen aus Holz, Segelleinen und Stahldraht gebaut, in die Höhe getragen wurden. Die Winden sind hervorragend restauriert, sogar der Draht auf den Rollen sieht aus, als wäre er gestern noch benutzt worden. Wenn ich da an die Trossen der Köhlbrandbrücke denke ... oh,oh. Aber die müssen ja auch nicht fliegen. Im Windenhaus lernen wir Werner Schmidt kennen und damit denjenigen, der uns die letzten Fragen beantworten kann, die uns noch auf den Lippen liegen. Und es sind viele! Der Weg weiter führt uns an der neuen sich in der Erprobung befindlichen automatischen Ballonaufstiegsvorrichtung vorbei in die renovierte Ballonhalle. Überwältigend, die hervorragend restaurierten alten Drachen an der Hallendecke hängen zu sehen. Viel schöner, als die bisher gesehenen Bilder. Einfach beeindruckend. Für die zahlreichen ausgestellten Informationen und die alten Messgeräte bleibt kaum Zeit, wir haben uns an Werner geheftet und erfahren viele interessante Einzelheiten aus historischer Zeit. Wegen eines Wetterballon-Aufstiegs müssen wir die Halle verlassen und wieder im Regen stehen. 3 Kubikmeter Wasserstoff sind im dem Ballon, der irgendwo dort oben in wenigen Minuten einen Durchmesser von um die 20 Meter erreichen und dann platzen wird. Eben wegen des Wasserstoffes ist wohl besser hier sicher im Freien zu stehen, was aber doch jemanden nicht davon abhält, einige Meter weit entfernt eine Zigarette zu rauchen. Er bekommt Bescheid. Für den alten Wasserstoff-Gasometer bleibt nur ein kurzer Blick, auch das zweite Windenhaus und die alte Ballonhalle und die noch vorhandenen alten - nicht restaurierten - Drachen bekommen wir leider nicht mehr zu sehen, die Zeit ist um und reicht gerade noch für eine Frikadelle mit Rotkohl und Kartoffeln im Klubhaus des MOL. Wir verabschieden uns von Werner Schmidt und Herrn Dr. Neisser, dem Leiter des Observatoriums. Der Tag war einfach zu kurz. Hätte Thomas nicht nach Hause gemusst, wir wären alle noch einen Tag geblieben. So kommen wir halt wieder. Der tiefe Eindruck dieses Tages ist eindeutig die Lebendigkeit der damaligen Zeit, die hier erhalten geblieben ist. Das fast einsam gelegene Dorf Lindenberg nahe der Polnischen Grenze ist durch die konservierende Wirkung der DDR-Zeit wie eingefroren erhalten geblieben. Es hätte uns kaum gewundert, wäre lötzlich Dr. Hugo Hergesell aus einer Nische der alten Räume getreten und hätte uns die Hand geschüttelt. Wer mehr schöne Fotos davon sehen will, kann das bei Hans Snoek tun, er war im März dort.

Matthias Raabe (DCFlattermann)