Hermann's Brogden

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Begriffsklärung.png Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen werden unter Brogden (Begriffsklärung) aufgeführt. Eine Sammlung aller Begriffsklärungen findet man in der Kategorie: Begriffsklärung.

Der Artikel stammt aus Sport & Design drachen 4/96. Die Erlaubnis zur Veröffentlichung von Hermann Reincke liegt vor.


Bild1: Das Originalfoto aus dem Jahr 1908
Bild2: Der Original-Brogden-Drachen aus dem Jahr 1908. Eine maßstäbliche Halbansicht nach den aus Bild1 berechneten Minimalmaßen
Bild3: Dies ist die Halbansicht des in halber Originalgröße gebauten Brogden-Drachens. Bei 205 cm Länge ergibt sich ja nach Einstellung auf starken oder schwachen Wind die Spannweite 184 oder 188 cm.
Bild4: Das Gerüst Dreiteilig gesteckte, kompatible Carbonstäbe geben dem Drachen gute Härte bei geringe, Gewicht - er wiegt komplett nur 390 g.
Bild5: Segel Zuschnitt. Für die Segelfläche 1,44m² werden 2,7m Spinnaker benötigt. Alle im Bild nicht bezeichneten Segelkanten benötigen mindestens Z+10 mm als Saumzugabe.
Bild6: Die Segel mit ihren Schlaufen und Spannschnüren. Die in den Segelsaum eingenähten Schnüre bilden an den bezeichneten Stellen eine Schlaufe zum Einhängen der Stabenden oder zum Befestigen der Spannschnüre. Nicht bezeichnete Schlaufen sind 3 cm lang.
Hermann's Brogden

Warum gerade dieser Drachen?


David Pelhams schönes Drachenbuch ist mir seit vielen Jahren eine liebe, unerschöpfliche Gutenachtlektüre. Immer wieder genieße ich die alten Bilder und Geschichten, träume mich in sie hinein, erlebe Marco Polo wie ein betrunkener Chinese auf einen riesigen EDO gefesselt in den Himmel aufsteigt, staune im Hafen von Nagasaki, wie fremde, weiße Seeleute mit viel Geschrei ihre rot-weiß-blauen Papierdrachen aufeinander hetzen, und werde in Pococks zierlicher Kutsche von rießigen Vierleiner-Drachen in atemberaubender Fahrt über die Schlaglöcher staubiger britischer Landstraßen gezogen.

Auf einem Foto aus dem Jahr 1908 stehe ich zwischen vielen anderen Bewunderern auf der Wiese, vor mir Charles Brogden, ein unscheinbarer älterer Mann im zerknittertem Straßenanzug, der mit knotiger Hand einen großen, mehrfach geflügelten Drachen hält. Bescheiden, doch nicht ohne Stolz zeigt er uns seinen Vogeldrachen, eine Art Eddy mit Schlitzen, der Das Prinzip der Roloplans vorweg nimmt. Als abonnierter Sieger beim alljährlichen Flugwettbewerb der "Aeronautical Society" verbreitet dieser Drachen seit 1903 Furcht und Schrecken bei den etablierten Experten der königlich britischen Drachenwelt. Der Buffalo-Bill-Imitator Cody, der seine Crew vom Araberhengst herab kommandiert, der Gardemajor Baden-Powell mit seiner patentierten Rokkaku Schaukel, auch S. H. R. Salmon mit seinen schönen Rhombus Zellendrachen - gegen den unscheinbaren Charles Brogden sind sie alle ohne Chance.

Solche Gedanken bewegen mich vor dem Einschlafen. Und im Traum fliege ich Brogdens herrlichen, vielfach geflügelten Siegerdrachen.

Träume erfüllen sich nicht immer leicht. Ich suchte vergebens nach einem Bauplan. In Pelham fand ich den Plan für einen Drei-Flügel.Brogden. Einen ebenfalls dreifach geflügelten Brogden fand ich in Drachen mit Geschichte von Diem/Schmidt. Meinen vierfach geflügelten Traumdrachen gab es nur auf dem Foto in meinem David Pelham Buch.

Dieses schöne Bild zeigt Brogden und seinen vierfach geflügelten Drachen, umringt von Bewunderern. Die Maßangaben wurden vom Autor berechnet und in das Bild eingetragen.

Ein Freund besorgt mir die Vergrößerung des Bildes aus dem David Pelham Buch, eine Kopie aus dem Buch Le Grand Livre des Cerf-Volants von Lloyd/Thomas, erschienen bei Edition Princesse, Paris. Aus diesem Bild machte ich mit einen eigenen Bauplan.

Zunächst ergänzte ich Brogdens im Foto fehlende Füße. Dann wurde seine Körpergröße auf höchstens 180cm (mit Hut) geschätzt und als Längenmaßstab festgelegt. Mit Lineal und Taschenrechner wurden alle im Bild erkennbaren Längen und Breiten näherungsweise bestimmt und in das Foto eingetragen.

Wenn Brogden 180 cm hoch war, hat der lange Querstab des oberen Segels die Länge von 208 cm. Bei 120 Grad Knickwinkel ergeben sich 360 cm für die Spannweite. Bei der angenommenen Neigung des Drachens von 45 Grad zur Senkrechten und bei Vernachlässigung der perspektivischen Verkürzung der vertikalen Maße berechne ich die 396 cm für die Länge des Drachens von der Spitze bis zu dem im Foto verdeckten Fußpunkt. So ergeben sich die überraschend kleinen Maße 360 x 396 cm Spannweite x Länge.

Wenn dies die Minimalmaße des fotografierten Drachens waren, wie groß wäre das denkbare Maximum? Wenn ich (wie Diem/Schmidt) mit 135 Grad Spitzenwinkel rechne, wächst die Spannweite auf 384 cm. Wenn uns das Weitwinkelobjektiv des Fotografen eine falsche Perspektive vortäuscht, erscheinen die hinteren Segel kleiner als die vorderen. Vielleicht waren alle Segel einheitlich 94 cm hoch, dann wächst die Länge des Drachen auf 470 cm. Wenn schließlich Brogden nur 170 statt der geschätzten 180 cm groß war (mit Hut), dann ergeben sich die Maximalmaße 406 x 498 cm Spannweite x Länge. Der fotografierte Drachen wäre dann fast ebenso groß wie Brogdens dreifach geflügelter Drachen von 1907, der mit 17 Fuß entsprechend 518 cm Länge angegeben wurde.

Dies ist der Aufriß des Brogden in den berechneten Mindestmaßen. Nicht gezeigt, aber im Foto sichtbar, ist die rückseitige Verstrebung der Querstäbe sowie das vorn in die Waageschnüre eingefügte Querholz. Unsichtbar bleibt auch die Anordnung der Waageschnüre selber. Schmidt und Diem befestigen die Waage ihres Dreiflügel-Brogden an elf Punkten, dem würden 14 Punkte für den Vierflügel-Brogden entsprechen. Pelham hingegen skizziert eine einfache Dreischenkelwaage. In der Zeichnung unsichtbar bleibt auch der doppelte Knick im Kiel, der der Bug- Hecksegel etwas steiler gegen den Wind stellt und so den Flug des Drachens stabilisiert.

Wer große Drachen liebt, wird sich den hier gezeichneten Original-Brogden bauen, vielleicht sogar in der Maximalausführung 406 x 498 cm.

Ich mag die kleineren Drachen, daher habe ich die Minimalmaße genommen und halbiert. Diese verkleinerte Version der Brogden hat sich inzwischen sehr gut bewährt, und ihren Bau will ich hier beschreiben.

Mein Ziel war es nicht, den schönen alten Drachen in der historischen Technik nach zubauen. Ich wollte vielmehr versuchen, Brogdens Idee mit unseren heutigen Mitteln umzusetzen, mit Spinnaker und Carbon. Durch sinnvollen Einsatz von modernen Bauteilen entstehen oft einfachere, schönere und leistungsfähigere Konstruktionen, als die für unsere Drachenväter mit ihren damaligen Mitteln realisierbar waren. Wir brauchen für den Brogden keine Aluminiumknoten, keine Verstrebungen, keine 14 Waagepunkte. Wir bauen einen leichten, einfach aufzubauenden Drachen mit kleinem Packmaß, der wenig kostet und der auch ohne Schwanz mit jedem Wind zurechtkommt.

Seine Proportionen entsprechen in etwas den Original, aber im Detail gibt es erhebliche Abweichungen:

Anders als Bild 1 und 2 gezeigt, haben die großen Segel sämtlich die gleiche Höhe.

Das kleine Vorsegel wurde vom Großsegel getrennt, um den "Roloplan-Effekt" des durch getrennte Segel erhöhten Auftriebs noch zu verstärken.

Die Querstreben sind nicht gepfeilt sondern durch Sapnnschnüre nach hinten gebogen und durch Schnüre auf Abstand gehalten. Sie werden ganz locker, nur durch Ringe, mit dem Kielstab verbunden. So fliegt der Drachen leichter und sicherer als eine völlig starre Konstruktion mit aufwendigen Aluminiumknoten.

Das Waagesystem ist ganz einfach, dreischenklig wie von David Pelham beschreiben. Das kleine Hecksegel wird infolge der sehr lockeren Mittelwaage bei starkem Wind nach vorne gezogen.

Wer den Drachen in Originalgröße bauen möchten braucht natürlich stärkere, aber keine doppelt so dicken Stäbe. Er wird die Durchbiegung der breiten oberen Querstäbe durch je eine lockere Querwaage begrenzen, das ergibt eine einfache Siebenschenkelwaage.

Anstelle der üblichen Muffen werden lange, kompatible Mittelrohre verwendet, in welche die überraschend dünnen Querstäbe fast bis zur Mitte hinein geschoben sind. Hierdurch ergibt sich in der Segelmitte ein große und stabile Auftriebsfläche mit beiderseits weicheren, der Drachen gut zentrierenden Segelflanken.

Der ebenfalls dreigeteilte Kielstab ermöglicht den von Brogden angestrebten Knick des Bug- und des Hecksegels. Unerlässlich ist ein straffer, mit Epoxidharzkleber gut gesicherter Schnurbund auf beiden Enden der Mittelstäbe, die sonst schon beim ersten Windstoß zersplittern würden. Eine gute Hilfe beim Aufbau des Drachens ist die wasserfeste Kennzeichnung der Stäbe, z.B. 1L, 2L, 3L für die Längs- und 1Q, 2Q, 3Q, 4Q für die Querstäbe.

Die angegebene Länge der seitlichen Querstäbe beinhaltet auch die Endnocken zum Schutz der Stabenden und zum Einhängen der Segelschlaufen. Die Einstecktiefe der Seitenstäbe wird der Segelbreite erst zuletzt durch das genau symmetrische Aufkleben von kurzen Anschlagröhrchen angepaßt. In der Zeichnung sind die Spannweiten aller Querstäbe im gestreckten und im gebogenen Zustand angegeben. Dies erleichtert die richtige Einstellung der in Bild 6 dargestellten Spannschnüre.

Einige Drachenfreunde haben mich gewarnt, die Carbonstäbe könnten durch dauernde Durchbiegung ermüden und schließlich splittern. ich habe solche solche Erfahrungen nicht gemacht, obwohl mein Brogden ein lange Erprobungszeit und einige sehr schmerzhafte Abstütze erleiden musste.

Dies ist meine persönliche Technik, die sich gerade für diesen Drachen mit seinen vielen Schlaufen und Ösen besonders anbietet und bewährt: Die Segel werden zunächst in den in Bild3 vorgegebenen Außenmaßen auf Pappe gezeichnet. Diese Umrisse werden auf die Segel-Rückseite durchgepaust, ähnlich wie im Bild gezeigt, mit genügend Paltz für die Saumzugabe. Dann werden die Segel unter Berücksichtigung der Zugabe aus dem Tuch geschnitten.

Anschließend wird eine harte, fest geflochtene oder umsponnene Schnur auf den aufgepausten Segelumriß gesteppt und mit einer zweiten Naht in den Saum hineingenäht. Wenn man alle Schlaufen aus dieser Spannschnur bildest und dann gut verknotet, werden die Zugspannungen schonend über die ganze Kantenlänge in das Segel geleitet.

Als Saum-, als Spann- und Waageschnur verwende ich eine 40 Kilo-Nylonleine mit knapp 2mm Durchmesser. Diese Schnur nähe ich im Geradstich genau in Strichmitte auf den zuvor auf das Segel gepausten Umriss, rund um das ganze Segel, unten Mitte beginnend und endend. Die Schnurenden hängen etwa 15 cm aus dem Segel heraus.

Für den Nahtsaum benutze ich einen Presserfuß mit einer glatten Längskerbe in der Laufsohle. In dieser Kerbe wird die Schnur genau in der Stichmitte unter der Nadel geführt. Bei jeder Schlaufe mache ich halt und lege eine Schleife. Achtung: Die im Bild angegebene Schlaufenlänge beinhaltet einen Knoten, daher braucht jede Schlaufe 3 cm mehr als man denkt. Für die normale 3er Schlaufe werden 9, für die 4er Schlaufe 11, für die 5er Schlaufe 13 und für die 8,5er Schlaufe 20 cm Schnur benötigt.

Als Vorübung mache ich zuerst nur das Bugsegel. Wenn die Schnur fest und genau auf dem Strich gesteppt ist, steche ich mit der Spitze des Lötkolbens ein feines Loch unter jedem Schlaufenanfang in das Segel. Mit einer Häkelnadel ziehe ich die Schlaufen und Enden durch die Löcher hindurch auf die Segel-Vorderseite. Jetzt wird die Nadel um 4mm zur Segel-Innenseite hin verstellt. Wenn der Presserfuß mit seiner Kerbe auf der ersten Naht reitet, entsteht eine zweite, geschlossene Saumnaht, genau parallel zur ersten und 4 mm davon entfernt. Ich lege die Zugabe straff nach innen gerollt über die Schnur und ziehe eine zweite Naht, die den Saum sauber abschließt.

Wenn ich rund um das Segel und rundum zufrieden bin, nähe ich an den wichtigsten Zugpunkten noch einmal über die Schnur, an den Segelspitzen und am Schnuranfang. Abschließend mache ich vor alle Schlaufen einen Knoten, die ich ganz eng am Segel festziehe.

Für die folgenden, großen Segel wird die Saumschnur in der gleichen Weise aufgesteppt, die Schlaufen gelegt und durch das Segel gezogen. Nur an der oberen Segelkante mache ich einen wichtigen Unterschied: Hier bildet die zweite Saumnaht aus der breiten Zugabe einen Schlauch, weit genug für fen durch den Schnurbund verdickten Querstab. Es ist ratsam, das Segel an den Schlauchenden vor dem Nähen mit Spinnaker-Reparaturband zu verstärken. Auch hier wird die zweite Saumnaht 4 mm innen neben die erste gelegt und die erste Naht an den Zugpunkten verstärkt. Dann werden solide Zugschlaufen aus Dacron oder Spinnaker an die oberen Segelkanten genäht. Die mittlere Zugschlaufe erhält einen für das Hindurchschieben des Kielstabes ausreichend weiten Ring. Nach der Näharbeit werden alle Fadenenden mit Sekundenkleber gesichert und abgeschnitten. Die vielen Schlaufen und Ösen werden eng am Segel ganz fest verknotet, sonst kann es am Zugpunkt unter Last einreißen. Eine üble Knoterei beginnt, durch das ZErren an der Schnur entstehen Blasen an den Fingern. Ich klebe mir vorbeugende Pflaster an die gefärdeten Stellen. Dann knüpfe ich die in Bild 6 sichtbaren Verbindunge, verknote ganz locker auch die freien Enden jeder Saumschnur mit dem Ring im nachfolgenden Segel. Ich schiebe die Querstäbe in die Segel und stimme ihre Längen so ab, daß sich das Segel beim Einhängen der seitlichen Schlaufen in die Pfeilnocken ohne Spannung straff zieht. Die in den Mittelstab eingeschobenen Stäbe müssen auf beiden Seiten genau die gleiche Länge und gleiche Härte besitzen. Der dreiteilige Kielstab wird hinter den Segeln von unten nach oben durch alle Ringe und Schlaufen gefädelt und mit den Pfeilnocken in die Schlaufen am Segelende eingehängt. Jetzt ist der fertige Brogden schon zu erkennen, ähnlich dem Foto, Bild 7. Das gibt Kraft für die folgende Knoterei. Die Verbindungsleinen zwischen den Segeln sind doppelt ausgeführt. Sie werden oben mit Kreuzknoten eingehängt, und unten mit einer leicht zu verstellenden Bucht. Bitte nicht mit Schnur geizen und die Knoten zunächst noch locker lassen, um die spätere Feinabstimmung zu erleichtern. Wenn die Schlaufe am Hecksegel locker über den Nocken am Kielende gespannt wird, sollen die Abstände zwischen den Segeln etwa den in Bild 3 angegebenen Maßen entsprechen.

Jetzt werden die äußeren Spannschnüre eingehängt und sorgfältig reguliert, bis jedes Segel außen 12 cm senkrechten Abstand zum darunter folgenden Querstab hat und die im Bild 4 angegebene Spannweite erreicht ist

Die obere lange Spannschnur hat zwei verschiedene Einstellungen: Für leichten Wind bis höchstens 2 Bft bleibt die Mittelschlaufe frei, der Kielstab bleibt gerade, und der Querstab hat 188 cm Spannweite. Für stärkeren Wind wird die Mittelschlaufe in den Pfeilnocken der Drachenspitze eingehängt und zieht hierdurch das Bugsegel nach hinten in die von Brogden empfohlene Rückenlage. Der Drachen wird hierdurch straffer gespannt und 4cm schmaler, der Kielstab biegt sich und formt einen Bauch.

Seine hohe Randspannung gibt dem Drachen eine gute Formstabilität. Aber zur Mitte hin bleiben alle Segel und Schnüre ganz locker, denn nur lockere Segelergeben ein ideales Profil, das starken Auftrieb und einen ruhigen Flug ermöglicht. Von oben beginnend werden die Segelabstände nachgemessen, mit Bild 3 verglichen und sorgfältig durch Nachstellen der Verbindungsleinen korrigiert. Die Außenschlaufe an der unteren Segelspitze wird mit einem leicht regulierbaren Shotstek so eingestellt, daß der Drachen in seiner Starkwindeinstellung in Längsrichtung ziemlich straff gezogen wird.

Beim Umstellen der oberen Spannschnur auf schwachen Wind wird der ganze Drachen deutlich lockerer, das verbessert seinen Auftrieb. Schließlich werden die Schnurenden an der unteren Segelspitze durch einen Shotstek zur Schlaufe geknüpft und so um den Endnocken gelegt, daß eine glatte Segelspitze ohne Falten entsteht. Die lange Waageschnur, 135 + 210 cm lang, wird oben mit einem Ende durch den Ring gezogen und um den Kiel gelegt. Den Zugring knote ich mit einem Mastwurf in die Leine, der verstellt sich nicht so leicht wie ein Buchtknoten. Am Kiel wird die Waageschnur oberhalb des Endnockens ebenfalls mit einem Mastwurf befestigt. Nach Prüfung der Längen wird der untere Knoten vorläufig gesichert. Die mittlere Waageschnur wird am Drachen durch den Ring und um den Kiel gefädelt, auf dieser Seite bleibt sie zunächst noch verstellbar, aber am Zugring wird sie schon jetzt ganz solide befestigt. (Anmerkung zu den Knoten: In der Schiffersprache heißt der Mastwurf auch Webeleinstek, am Ring nennt man ihn "Gekreutzer Lerchenkopf").


Der erste Flug

Mit dem ersten Probeflug solltest Du warten, bis ein schwacher Wind mit etwa 1, höchstens 2 Bft bläst. Stelle den neuen Drachen zunächst auf schwachen Wind ein und achte dabei auf ein genau zentrisch zum Kiel eingestelltes Bugsegel. Benutze die 40kg Leine und zieh Dir die Handschuhe an. Lasse zunächst nur wenig Leine heraus, sonst mußt Du zu weit laufen. Hoffentlich hast du einen geduldigen Tag. Denn Du darfst nie zwei Korrekturen gleichzeitig erproben, immer schön eine nach der anderen, sonst wirst Du niemals fertig.

Wenn der Drachen schräg aufsteigt oder am Himmel steht, ist seine Symmetrie fehlerhaft. Vielleicht ist nur die obere Spannschnur schief eingehängt und das Bugsegel zieht zur Seite. Wenn du Pech hast, mußt Du alle Verbindungsleinen einzeln kontrollieren und nachstellen. Prüfe auch die seitlichen Querstäbe auf genau gleiche Länge und Härte.

Wenn der Drachen wunderschön senkrecht über Dir am Himmel steht, muß er leider gleich wieder herunter, der steile Flugwinkel macht ihn gefährlich unruhig. Der Zugring der Waage wird soweit nach oben verstellt, bis der Leinenwinkel am Boden etwa 70 Grad erreicht.

Wenn der Drachen beim Aufstieg oder bei Windstößen zu kreisen beginnt, hole ihn sofort vom Himmel, bevor er wie ein Geier herunter schießt. Du solltest den Zugring der Waage etwas nach unten verstellen. Vielleicht ist der Drachen auch zu straff gespannt. Lockere dann die zwei Schlaufen am unteren Endnocken ein wenig, das macht den Flug des Drachen stabiler.

Bei stärkerem Wind wird der Brogden nervös, er zieht zur Seite oder beginnt zu rotieren. Bringe ihn in Starkwindeinstellung und lasse ihn wieder hoch. Dein Drachen fliegt in dieser Einstellung weniger steil und macht viel weniger Zug. Er stellt die Nase sehr sensibel in den Wind und wird trotzdem auch in Böen ganz souverän am Himmel stehen.


Die Verpackung

Als Verpackung benutze ich ein Kunststoffrohr aus dem Baumarkt. Es hat 8 cm Durchmesser, 130cm Länge und zwei Deckel. Zum Verpacken hänge ich die Spannschnüre aus und entferne die Seitenstäbe der beiden oberen Segel und die Kielstäbe aus dem am Boden liegenden Drachen. Die Seitenflanken des großen Segels schlage ich zur Mitte ein und lege alle Segel zickzackförmig übereinander. Wenn die Waageschnüre schön sortiert mit den sieben Stäben auf dem Segelstapel liegen, wird eine Rolle daraus gewickelt und in das Rohr gesteckt. Je ordentlicher ich eingepackt habe, umso leichter wird der in umgekehrter Abfolge durchgeführte Wiederaufbau.


Weitere Kommentare von Hermann die nicht Bestandteil des Artikel sind

Weingarten, 21.10.2008

Hallo lieber Drachenfreund, mutig, dass Du Dich an diesen aufwendig zu bauenden Drachen gewagt hast. Wer das wagt, wird ihn auch zum Fliegen bringen, denke ich. Natürlich ist dieser Drachen schwierig einzustellen. Auch ich hatte große Probleme, das Topsegel musste ich bald erneuern, so viele Abstürze hat er erlitten. Aber heute ist der Brogden das beste und stabilste Teil in meiner Sammlung. Hatte ich den ersten Flug in meinem Aufsatz nicht genau beschrieben?

  1. Bitte lese den Aufsatz noch einmal aufmerksam durch.
  2. Dann baue Deinen Brogden auf, Spannschnur des großen oberen Segels nicht an der Spitze eingehängt, und prüfe noch einmal die vielen Schnurlängen. Mache Dir dazu eine Pappschablone mit den Maßen, die sich ja vielfach wiederholen. Besonders wichtig: Rechts und links müssen alle Maße genau übereinstimmen. Klar, auch wenn die Querstäbe in der Mitte gemufft sind, müssen sie auf beiden Seiten gleich lang und gleich hart sein, gleiches Fabrikat und gleicher Typ.
  3. Wenn das geprüft ist, schau bitte nach, wie straff Dein Brogden gespannt ist. Die beiden Leinenschlaufen an der unteren Spitze dürfen lose sein, dann kann das große Segel locker 1cm am Kielstab entlang rauf- und runter geschoben werden. Das sieht zwar nicht perfekt aus, aber der Drachen fliegt so stabiler, macht wohl auch etwas mehr Druck.
  4. Wenn alle Segel die richtige Querspannung haben, hat das große Segel 28 cm Abstand vom Querstab bis zur Spannschnur. Und wenn der Drachen mit dem Rücken am Boden liegt, berühren alle Querstäbe mit beiden Spitzen den Boden.
  5. Die Voreinstellung der Waage für den Jungfernflug machst Du ebenfalls zu hause. Ich gehe davon aus, dass die Waagelänge stimmt, der Mittelschenkel muss dabei lose bleiben. Das große Segel wird mit der Spannschnur genau auf die Mitte justiert. Wenn Du den Drachen am Zugpunkt vom Boden anhebst, müssen sich alle Kontaktstellen gleichzeitig vom Boden lösen. Verschiebe den Zugpunkt, bis das erreicht ist. Diese Einstellung markieren, dann seid Ihr bereit für die Wiese.
  6. Für den Probeflug brauchst Du unbedingt einen guten, beständigen Wind, etwa 1, aber höchstens 2 Bft, außerdem einen guten, geduldigen Helfer. Erkläre Ihm, wie er den Zugpunkt auf Dein Zeichen hin in 5mm-Schritten auf- oder abwärts verstellen kann. Mache ihm klar, dass er auch den mittleren Waagschenkel immer wieder kontrollieren und gegebenenfalls nachstellen soll, der muss in jeder Einstellung etwa 4cm Luft behalten.
  7. Ihr startet den Drachen mit etwa 10m Leinenlänge. Du brauchst Handschuhe. Wenn der Drachen stark zieht, aber nicht aufsteigt, wird der Zugpunkt um 5mm nach oben verstellt. Ihr tastet Euch vorsichtig nach oben, der Drachen wird vermutlich erst mal von Schritt zu Schritt immer besser und fällt dann wieder ab. Er wird immer wieder mal zu spinnen beginnen. Wenn er rotiert und mit Karacho in die Wiese zu stürzen droht, dann gib ihm kurz vor dem Aufprall ganz schnell viel Leine, damit er weich aufsetzt und sich nicht wehtut. Dein Helfer sollte gut aufpassen und Du musst stark und geistesgegenwärtig sein wie ein Drachenbändiger. Jeder gute Hengst braucht erst mal eine starke Hand.
  8. Wenn Du den optimalen Punkt gefunden hast, dann lasse den Brogden hoch, oben ist er sicherer. Wenn der Leinenwinkel am Drachen etwa 60-80° erreicht, beginnt er sehr stark zu ziehen. So macht er am meisten Freude. Erprobe ihn öfter bei verschiedenen Winden und versuche ihn immer besser zu verstehen. Erst wenn Du ganz sicher bist, dass Du den optimalen Zugpunkt gefunden hast, markiere ihn mit einem Permanent-Marker.
  9. Bei starkem unruhigem Wind oberhalb 2-3 Bft solltest Du die obere Spannschnur in den Kielstab einhängen. Das macht den Drachen weniger nervös, so steht er ruhiger am Himmel. Er wird schmaler und das kleine Segel steht etwas gegen den Wind, dadurch fliegt der Drachen weniger steil. Der Zugpunkt der Waage kann jetzt etwas nach oben verschoben werden. Suche die beste Position des Ringes und markiere sie mit einer anderen Farbe.

Das war das Wichtigste. Ich glaube, Du wirst gut zurechtkommen.


Für alle besseren Arbeiten brauchst Du viel Geduld. Und auch die schönste Arbeitsanweisung kann eigenes, liebevolles Probieren nicht ersetzen. Erzähl mir mal, wie Du zurechtgekommen bist. Vielleicht können unsere Brogden eines Tages miteinander fliegen. Ich freue mich darauf. Bis dahin viel Erfolg beim Bau, der Dressur und beim Fliegen!

Herzlich Hermann

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