Eine Drachenreise in Indien

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Aus Hoch Hinaus 1999-1

Und täglich grüßt das Murmeltier oder: Eine Drachenreise in Indien

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Sicher kennen viele von Euch den Amerikanischen Spielfilm mit Bill Murray "Und täglich grüßt das Murmeltier", in dem für einen Wetterjournalisten, der über den traditionellen Murmeltiertag im Norden Philadelphias berichten soll, an jedem Morgen immer wieder der gleiche Tag beginnt. So fühlten wir uns während der neuntägigen Drachenrundreise in Indien. Fast jeder dieser Tage begann damit, dass wir uns entweder im Bus auf irgendeiner holprigen indischen Landstraße oder in den Warteräumen eines Flughafens befanden. Es war ein ungemein erleichtertes Gefühl, nach den neun Tagen wieder im eigenen Bett aufzuwachen und nicht anschließend sofort wieder in einen Bus oder ein Flugzeug steigen zu müssen.

Wir hatten schon im letzten Jahr über die Kitetour der Tourismus Corporation von Gujarat in Indien berichtet. In diesem Jahr besuchten wir auf dieser Tour vier internationale Drachenfeste in den Bundesstaaten Gujarat und Andra Pradesh und den tradi- tionellen Drachentag an Makar Sakranti in Ahmedabad.

Reisen in Indien hat nichts mit dem Reisen in Deutschland zu tun. Der National Highway Nummer 8, auf dem wir viel unterwegs waren, hatte die Qualität einer schlechter Landstraße in Deutschland, von den normalen Landstraßen ganz zu schweigen. Unser Bus erreichte auf den Fahrten, die zwischen 3 und 11 Stunden dauerten einen Durchschnitt unter 50 Stundenkilometern. Da auf diesen zweispurigen Straßen alles unterwegs ist, Pkw's Busse, Lastwagen aller Größenordnungen, aber auch Rikschas, Ochsenkarren, Kamelkarren und frei laufende Kühe muss wer einigermaßen zügig voran kommen will, immer auf der Mitte der Straße fahren Zum Überholen wird dann der Vorausfahrende per intensiv genutzter Hupe an den linker Fahrbahnrand beordert (es besteht Linksverkehr in Indien und dann auf der Gegenspur vorbeigefahren. Bei entgegenkommendem Verkehr entscheiden die Nerven des Fahrers über den Abstand bis zum entgegenkommenden Fahrzeug, bevor man sich in den auf der richtigen Spur befindlichen Verkehr wieder einfädelt.

Indische Busfahrer scheinen Nerven wie dicke Drahtseile zu haben. Eine Steigerung des Nervenkitzels boten die Fahrten bei Nacht. Nur notdürftig oder gar nicht beleuchtete Fahrzeuge, die geisterhaft im Scheinwerferkegel auftauchen, sowie grottentiefe Schlaglöcher oder großflächige Fahrbahnrandabbrüche zwingen den Fahrer zu halsbrecherischer Ausweich und Bremsmanövern. Beim Passieren des Gegenverkehrs kam der Bus immer wieder mit den Ästen der Bäume und Büsche am Fahrbahnrand in Berührung. Autowrack: in den Straßengräben gehören zum normalen Bild in Indien.

Dieses ist aber nur die eine Seite der Eindrücke einer Indienreise. Die andere Seite sind die phantastischen Ausblicke in ein Land, welches zwischen Gestern und dem einundzwanzigsten Jahrhundert steht. Modernste Büro und Fabrikgebäude, in denen an der Technik des nächsten Jahrhunderts gearbeitet wird, (Indien ist eines der weltgrößten Zentren der Software Industrie) wechseln sich mit einfach- sten Bretterbehausungen oder aus Decken und Tüchern gebauten Zelten ab. Baustellen modernster Gebäude, auf denen so gut wie alles mit der Hand gebaut wurde, Felder die mit dem Ochsengespann vor dem Pflug bestellt wurden und Wasserstellen, an denen die Frauen gerade dort gewaschene Kleidungsstücke über die Bäume und Büsche zum Trocknen auslegten, zogen an uns vorbei. Die Straßen in den Städten wimmeln vor Leuten, selbst Nachts ist man auf Indiens Straßen nie allein. Handel spielt sich fast überall auf der Straße ab. Die Geschäfte haben ihre Auslagen bis auf die Straße ausgedehnt. Die Werkstätten der Handwerker sind alle zur Straßenfront hin offen und gearbeitet wird oft auf dem Bürgersteig, soweit vorhanden.

Neben den Gegenständen, die man fürs tägliche Leben oder auch Überleben benötigt, konnte man in diesen Tagen um den 14. Januar herum in all diesen Geschäften auch das Zubehör für Makar Sakranti, den Feiertag zur Wintersonnenwende erwerben: Patangs. Die bunten Drachen aus Papier und Bambus und die dazugehörige Flugschnur, genannt Manja, kann man in vielen Geschäften kaufen, speziell auf den Drachenmärkten. Dort haben die Läden eines ganzen Straßenzuges ihr Angebot ausschließlich auf Drachen, Schnur und Spulen umgestellt. Millionen von Papierdrachen werden in diesen Tagen auf Drachenmärkten verkauft. Um solche Mengen von Kampfdrachen zu fliegen, werden tausende Kilometer der mit Glasstaub präparierten Manja, der Drachenschnur benötigt.

Diese Schnur wird zum großen Teil in den Straßen der Städte in Handarbeit hergestellt. Dort wo es der Platz erlaubt, stehen zwei in den Boden eingegrabene schwere Holzpfähle im Abstand von 20 bis 30 Metern, in die mehrere stabile Eisenpflöcke eingesteckt sind. Über diese Pflöcke wird das Rohmaterial, dünne Baumwollschnur, hin und her zu Bündeln von ca. 40 Fäden aufgespannt. Aus Leim, Farbpulver und fein zerstoßenem Glas wird eine Paste angefertigt die man zu einem dicken Ball formen kann.

Der Manjamacher packt nun diesen Klumpen so um das Schnurbündel herum, so das jeder Faden von der Glaspaste umgeben ist. Mit gleichmäßigen Bewegungen wird nun die Paste über die ganze Schnurlänge verteilt. Die Finger der die Fäden führenden Hand sind dick mit Pflaster oder Klebeband umwickelt, um sie vor Schnittverletzungen durch die nun keine Grenzen. Den ganzen Tag lang wird gefloge und gekämpft. Unsere Gruppe von ca. 60 westlichen Drachenfliegern war über einige Häuser der Altstadt Ah- medabads verteilt, und unsere jeweiligen Gastgeber betrachteten es offensichtlich als große Ehre, Fremde am Geschehen auf ihrem Dach teilhaben zu lassen. Uns wurden zwischendurch immer wieder Erfrischungen und etwas zu Essen gereicht, und vor allen Dingen mussten wir natürlich auch kämpfen. Allerdings war dieses recht chancenlos. Sobald wir nur annähernd die Höhe zum Angriff auf andere Drachen erreicht hatten, war der Kampf schon wieder vorüber. Eine ganze Meute angriffslustiger Patangs stürzte sich auf die Drachen der unerfahrenen Piloten aus dem Westen und ehe man sich versah verschwand der abgeschnittene Drachen auf Nimmerwiedersehen. Die Eindrücke dieser Tage haben sich bei mir tief eingeprägt, und ich bin sicher sie sobald nicht zu vergessen. Wir verdanken es der Tourismus Corporation von Gujarat, daß wir mit fünf Drachenfliegern aus Deutschland an dieser Reise teilnehmen konnten.